Majid Parente Verfügbar ist nicht dasselbe wie nah.

Alles ist jederzeit da: jedes Lied, jeder Film, jeder Mensch. Und trotzdem wächst gerade das, was eine Auswahl, einen Ort und eine Uhrzeit hat. Das ist keine Nostalgie, sondern eine Preisfrage. Ich rechne sie in Telco, KI und Retail durch. Manches davon baue ich nach, um zu sehen, ob es trägt.

HeuteKey Account Manager bei Swisscom, Wachstum im Telco und Multibrand Umfeld
DavorApple, dort verantwortlich für den Telco-Kanal, und viele Jahre im Handel
ThemenTelco und Multibrand, KI im Alltag, Handel und Kundenbeziehung
Majid Parente, Key Account Manager bei Swisscom

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Sechs Szenen, eine Linie

Wie aus einem Dorf ohne Laden ein Katalog ohne Grenzen wurde, und warum die Bewegung gerade kippt.

Davor

Im Süden Italiens tauscht eine Frau ihren Sugo gegen zwei Flaschen Wein. Kein Laden, kein Geld, keine Daten. Nur ein Dorf, das sich kennt. Der älteste Handel der Welt ist kein Kanal. Er ist eine Beziehung.

1993

Das Natel wird digital. Die neue Vorwahl heisst 079. Zum ersten Mal gehört eine Nummer nicht mehr einem Haushalt, sondern einem Menschen. Die Beziehung beginnt zu wandern.

2007

Eine Bühne in Kalifornien. Ein schwarzes Rechteck, und die Welt passt in die Hosentasche. Der Laden zieht mit ein. Das Radio, das Fotoalbum, das Telefonbuch. Die Innenstadt wird zum Showroom für den Kauf, der woanders passiert.

2015

Der Katalog wird unendlich. Jedes Lied, jeder Film, jeder Mensch. Jederzeit. Und mitten im Überfluss merken wir: Verfügbar ist nicht dasselbe wie nah.

Heute

Die Platte dreht sich wieder, und die Playlist mit Handschrift schlägt den Algorithmus. Audio läuft ohne Bildschirm, im Ohr, im Raum. Die Velogruppe fährt Sonntag um neun, der Feed kennt keine Uhrzeit. Die Gegenbewegung hat längst begonnen. Sie ist nur noch nicht verteilt.

Also

Die Leute zahlen für Begrenzung, für Kuration, für Orte. Wer das versteht, verkauft keine Produkte mehr. Er hält Beziehungen. Und Beziehungen verliert man nicht über den Preis.

A

Beobachtungen zu Handel, Telco und künstlicher Intelligenz

Ich schreibe seit Jahren über dasselbe Muster, nur an verschiedenen Beispielen. Ältere Texte stehen bewusst hier, sie zeigen, woher die These kommt.

  1. 01Vom Point of Sale zum Point of ConnectionMedium
  2. 02Die Zukunft des Handels. Warum Community und Empathie die wichtigsten Währungen sindMedium
  3. 03Warum 2nd und 3rd Brands existierenSubstack
  4. 04Das 3 Phasen Playbook für Community CommerceMedium
  5. 05Best Practices und was wir wirklich daraus lernen könnenMedium
  6. 06Was der Plattenladen über Preissetzung weissMedium, neu
  7. 07Serendipity lässt sich nicht ins Homeoffice liefernkommt
  8. 08Screenless. Warum die beste Technologie keine Aufmerksamkeit willkommt
  9. 09Wem gehört das Zuhausekommt

B

Anwendung in drei Märkten

Eine Beobachtung ist erst dann etwas wert, wenn sie einen Preis, eine Marge oder eine Kündigungsquote verändert. Hier rechne ich sie durch.

TelcoWas einen Vertrag hält, wenn der Preis es nicht mehr tut

Mit dem Festnetz ist die letzte physische Verankerung im Haushalt verschwunden. Geblieben ist ein Vertrag, den man nur noch über den Preis verteidigt.

Womit hält man ihn sonst?

Künstliche IntelligenzDie Assistenz, die man nicht sieht, aber im Raum hat

KI wird heute als Assistent verkauft, den man etwas fragt. Interessanter ist die KI, die man nicht sieht, die einen festen Ort hat und die Menschen untereinander verbindet statt mit einem Gerät.

Wer besetzt diese Oberfläche?

HandelWarum Menschen noch in den Laden kommen

Verfügbarkeit kann der Laden nicht mehr verkaufen, die hat das Netz. Er verkauft Auswahl, Begegnung und einen Grund, überhaupt hinzugehen. Ich habe lange genug auf Verkaufsflächen gearbeitet, um zu wissen, wie schwer dieser Grund herzustellen ist.

Was ist dieser Grund wert?

C

Offene Fragen zu Haushalt, Auswahl und Aufmerksamkeit

Eine These, die man nur schreibt, bleibt eine Meinung. Deshalb arbeite ich nebenher an ein paar Fragen weiter, meistens so lange, bis etwas daraus wird, das man anfassen kann. Was hier steht, ist der Stand des Denkens, nicht das Ergebnis.

Was tritt an die Stelle des Telefons, das früher allen gehörte?

Im Flur stand einmal ein Gerät, das niemandem allein gehörte. Es hat die Familie erreicht, nicht eine Person. Seit jeder seines in der Tasche hat, gibt es diesen gemeinsamen Ort nicht mehr. Mich interessiert, was heute an diese Stelle treten müsste und was es dafür bewusst nicht können dürfte.

In Arbeit

Warum fällt die Wahl schwerer, seit wir alles haben?

Früher hat jemand neunzig Minuten lang Musik für dich ausgesucht, und du hast sie in der vorgegebenen Reihenfolge gehört. Heute ist der ganze Katalog da, und trotzdem läuft meistens das, was zuletzt lief. Die Frage ist, ob sich der Wert einer Auswahl zurückholen lässt, ohne die Bibliothek dahinter aufzugeben.

In Arbeit

Wie viel Erreichbarkeit braucht ein Kind wirklich?

Zwischen gar nichts und einem Smartphone liegt nichts. Eltern entscheiden deshalb zu früh und dann meistens gegen ihr Gefühl. Mich beschäftigt, wie das Dazwischen aussehen müsste, wenn man es nicht über Funktionen definiert, sondern über das, was es konsequent weglässt.

Frühes Stadium

Wie erklärt man etwas Technisches ohne Bildschirm?

Am Verkaufspunkt gewinnt selten das bessere Argument, sondern das, was der Kunde in der Hand behält. Ich probiere aus, wie sich eine technische Frage so beantworten lässt, dass sie ohne App, ohne Login und ohne Erklärung durch Dritte funktioniert.

Im Test

D

Die lange Linie. Von 2002 über Apple zu Swisscom

Thesen kann jeder aufstellen. Interessanter ist, wie lange man sie schon verfolgt. Das hier ist keine Karriere, sondern eine Spur.

2002

An der Front

Erste Jahre im Verkauf. Ich lerne, dass ein Abschluss nichts über eine Beziehung aussagt. Der Kunde, der wiederkommt, ist mehr wert als der, der heute mehr kauft.

2003

Der erste Online-Kauf

Ein Dell Laptop, mit der Kreditkarte von zuhause bestellt, fünf Tage später von der Post geliefert. Es hat mich fasziniert und mir gleichzeitig ein komisches Gefühl gegeben. Dieses Gefühl hat mich nie mehr losgelassen. Diese Seite ist der Versuch, es zu Ende zu denken.

2006

Die Kanalfrage

Im Verkauf bei Nespresso stelle ich zum ersten Mal die Frage, die den Handel bis heute beschäftigt. Wenn der Kunde online kauft, wem gehört dann die Beziehung?

2009

Versprechen auf Papier

Mehrere Jahre verkaufe ich Versicherungen. A4-Blätter mit Versprechen. Kein Produkt zum Anfassen, nichts zum Testen. Was den Vertrag hält, ist nicht die Police, sondern das Vertrauen in den Menschen, der sie bringt. Das technische Produkt tritt zurück, die Beziehung trägt den Abschluss.

2012

YouTube killed the Radio Star

Ich lege seit 1998 auf. 2012 merke ich am Pult, dass meine Kuration an Wert verliert. Die Tanzenden wollen hören, was sie kennen, der ganze Katalog gehört jetzt allen. Aber sie kommen trotzdem, denn was sie suchen, gibt es nur hier: denselben Song, gemeinsam, an einem Ort. Der Wert ist nicht verschwunden. Er ist von der Auswahl zum Ort gewandert.

2013

Die Fläche

Bei Apple baue ich Verkaufsflächen im Schweizer Fachhandel auf. Am Ende sind es 128. Jede stellt dieselbe Frage. Was passiert mit einem Produkt, wenn man es anfassen kann, bevor man es kauft. Die Antwort ist jedes Mal dieselbe. Die Fläche verkauft nicht. Sie gibt dem Menschen davor einen Grund, das Gespräch zu beginnen.

Majid Parente bei einer Produktschulung für den Schweizer Fachhandel
Produktschulung für den Fachhandel. Die Fläche wirkt erst, wenn der Mensch davor das Produkt erklären kann.

2015

Das Produkt tritt zurück

Die Apple Watch kommt. Zum ersten Mal verkauft Technologie keine Funktionen mehr, sondern einen Lebensstil. Ein Blick statt ein Bildschirm, eine Berührung statt einer Meldung. Screenless beginnt hier. Im selben Jahr wechsle ich von der Fläche ins Account Management. Die Frage bleibt dieselbe, nur die Distanz ändert sich.

2019

Die These, schriftlich

Diplomarbeit über den Strukturwandel im stationären Verkauf. Feldbesuche in New York, eigene Befragung. Das überraschendste Resultat: Nur die Hälfte nannte den Preis als Kaufgrund. Empfehlungen von Menschen schlugen Werbung und Influencer deutlich. Beziehung schlägt Reichweite, schon damals.

2021

Der Beweis am eigenen Objekt

Ich gründe und betreibe ein Haus in St. Gallen, in dem Arbeiten, Wohnen und Gastronomie zusammenkommen. Über mehrere Jahre sehe ich täglich, warum Menschen an einen Ort gehen, den sie nicht brauchen. Die Antwort ist nie die Ausstattung. Es sind die anderen Menschen.

Heute

Vom Laden ins Zuhause

Nach Stationen im Handel und bei Apple stelle ich dieselbe Frage jetzt im Telco. Was verankert eine Marke im Alltag der Menschen, wenn der Preis es nicht mehr tut?

Verkäufer werden zu Beziehungsmanagern und Produktexperten.

Hypothese meiner Diplomarbeit, 2019

Im selben Text steht auch, dass KI Empathie noch lange nicht ersetzen kann. Sieben Jahre später ist die Technik weiter, als ich es damals für möglich hielt. Die Hypothese hat trotzdem gehalten, sie ist nur grösser geworden. Nicht mehr nur der Verkäufer wird zum Beziehungsmanager. Das ganze Unternehmen muss es werden.

E

Vorträge und Panels zu Handel und Standorten

Ich spreche über Handel, Kundenbeziehung und darüber, was Menschen tatsächlich aus dem Haus holt. Am liebsten vor Leuten, die danach widersprechen.

Majid Parente als Referent am Swiss Council of Shopping Places
Referent am Swiss Council of Shopping Places über die Zukunft des stationären Handels. Ebenso am SVSM Dialog Standortmanagement über Mischnutzungen in Gewerbeliegenschaften.

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Über Majid Parente

Handel, Apple, Telco. Immer dieselbe Frage: Warum bleiben Menschen, wenn sie jederzeit gehen könnten?

Majid Parente ist Key Account Manager bei Swisscom und arbeitet an Wachstum im Telco und Multibrand Umfeld. Davor war er bei Apple für den Telco-Kanal verantwortlich und viele Jahre im Handel. Er ist Dipl. Betriebswirtschafter HF und lebt in der Ostschweiz.

Im Handel habe ich gelernt, dass Frequenz nichts wert ist ohne Grund. Bei Apple, dass eine Fläche erst wirkt, wenn der Mensch davor sie versteht. Als Gründer, dass ein Ort trägt, sobald die Menschen darin sich kennen. Im Telco sehe ich gerade, wie teuer es wird, wenn eine Beziehung nur noch aus einer Rechnung besteht.

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